Nachlese
Zwei interessante Journalismus-Fachtage sind vorbei. Am Donnerstag diskutierten in Frankfurt beim Frankfurter Tag des Online-Journalismus (#ftoj) einige interessante Gesichter im Journalismus. Unter anderem Mercedes Bunz (The Guardian), Jakob Augstein (Der Freitag) und Christian Lindner (Rhein Zeitung). Die Vorträge waren durchweg interessant und sind immer noch online abrufbar.
Mercedes Bunz sprach beispielsweise über die Möglichkeiten im Netz zu recherchieren. Denn man kann auch investigativen Online-Journalismus bestreiten auch oder gerade besonders mit der Hilfe von Twitter. Da hilft den Journalisten eventuell die Site helpmeinvestigate. Sie hat auch ein anschauliches Beispiel gezeigt, wie es umgesetzt werden kann. Paul Lewis hat es für The Guardian bewiesen, dass es geht.
Wie eine Regionalzeitung mit Social Web und Crowdsourced-Recherche umgeht, hat Christian Lindner als Chefredakteur der Rhein Zeitung dargelegt. Jakob Augstein dagegen spricht über die Versuche bei Der Freitag Blogger und Journalisten zusammen arbeiten zu lassen: “Die Community ist unser viertes Ressort”. Mercedes Bunz stimmte schließlich annähernd zu, als sie sagte, dass Blogger manchmal Journalisten seien und umgekehrt. Sie setzten ein Thema nur jeweils unterschiedlich um.
Alles in allem eine sehr gelungene Veranstaltung.
Am gestrigen Freitag gönnte ich mir dann live vor Ort die Tagung im Institut für Zeitungsforschung in Dortmund. Hier lautete das Thema “Journalismus in einer digitalen Welt – Prognosen, Erwartungen, Fragen”. Also letztendlich ziemlich ähnlicher Ausgangspunkt. Aber eine gänzlich andere Herangehensweise.
Vier Vortragende, drei davon Journalistik-Dozenten an der TU Dortmund, wollten lebendig präsentieren. Es schafften allerdings nur die ersten beiden einen interessanten Blick auf das Thema zu richten. Der Rest war eher etwas für Studiumsanfänger ohne journalistische Vorbildung. Aber Prof. Dr. Claus Eurich und Prof. Dr. Klaus Meier von der Uni Dortmund zu bieten hatten, hatte Hand und Fuß. Aber auch hier waren wenig Prognosen und Erwartungen inbegriffen. Vielmehr dozierten sie zu Ethik, Transparenz und Qualität im Journalismus. Der universitäre Background war spürbar, wenn immer wieder auf Literatur verwiesen wurde oder das ein oder andere Zitat von Mahatma Gandhi, Kofi Annan, Bert Brecht oder Enzensberger aus dem Hut gezogen wurden. So sei der Blogger zwar die Umsetzung eines alten Traums nach Rezipientenbeteiligung (Brecht), aber zugleich “unberechenbar wie ein Guerillero” (Enzensberger). Gefallen hat mir in dem Zusammenhang Journalismus vs. Bloggen der Satz von Eurich: “Wenn Journalismus sich bedroht sieht, dann nicht von Bloggern, sondern von der innersystemischen Kommerzialisierung” Dazu sagte einen Tag zuvor Augstein in Frankfurt: “Journalisten schreiben die Blogger schlecht. Dabei ist es einer der größten Skandale, dass die Tageszeitungsredakteure nie über andere schreiben.” Die Selbstregulierung fehlt also im Journalismus? Bunz findet zumindest, dass bei den Bloggern ein Umdenken entsteht. Sie würden sich stärker gegenseitig kontrollieren. Christian Lindner ging sogar soweit zu sagen, dass im nächsten Jahr von zehn neu eingestellten Volontären mindestens zwei Blogger sein sollen. Vielleicht habe ich dann ja demnächst auch bessere Chancen.
Zurück in Dortmund: Hier waren die Vorträge sehr theoretisch, aber zumindest die beiden ersten Referenten Eurich und Meier haben geschliffen und unterhaltend gesprochen, wie die meisten Menschen vermutlich nicht einmal schreiben können. Angenehm. Ähnlichkeiten hatte dann auch der Vortrag von Meier mit dem #ftoj. “News As Conversation” war das Stichwort. Journalismus als offener Prozess, der aber auch in die Hose gehen kann, wie beispielsweise bei den Tweets über die Focus-”Recherche” in Winnenden.
Mein Lieblingssatz bei der Tagung in Dortmund war allerdings ein ganz anderer: “Vielfältigkeit auf Eindeutigkeit zu reduzieren ist eine schreckliche Kastration an der realen Welt.” Als Erklärung dazu findet sich zusätzlich noch dieses Zitat auf Seiten der TU Dortmund:
Nicht jeder Gegensatz und Rivalität ist auflösbar, ein Journalist sollte lernen, sie angemessen darzustellen ohne zwangsläufig eine eigene Position zu beziehen.
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