Rezension
Bisher gibt es wenig Literatur zum Thema Fachjournalismus, noch weniger über die wissenschaftliche Seite – die Fachjournalistik. Daher hat Beatrice Dernbach mit ihrem Anfang 2010 veröffentlichten Buch „Vielfalt des Fachjournalismus“ einen wichtigen Schritt getan, hin zu einem besser untersuchten und deutlicher dargestellten Fachjournalismus. Der Nutzwert für praxisorientierte Journalisten mit ersten Erfahrungen ist aber leider sehr gering.
Mit diesem Buch bietet sich eine sehr gut aufgearbeitete wissenschaftliche Sicht auf das Thema Fachjournalismus im Allgemeinen. Das erste Drittel des Buches beschäftigt sich mit der theoretischen Aufarbeitung: Wie lässt sich Fachjournalismus definieren? Wo hat der Fachjournalismus Probleme durch zu starke Verbindungen zur Fach-PR? Im ersten Drittel des Buches grenzt Dernbach außerdem die Alltagsarbeit von General-Interest-Journalisten zu Fachjournalisten gut und anschaulich ab. Dernbach gelingt es aufzuzeigen, dass eine Entwicklung hin zum Infotainment nicht schlecht sein muss, sondern speziell für Fachjournalisten eine positive Entwicklung ist. Hier entstehen Jobs und Dernbach gibt hin und wieder Tipps, wo der Leser am besten auf die Suche nach potenziellen Arbeitgebern gehen sollte.
Allerdings ist der theoretische Teil an vielen Stellen schwer verdaulich. Viele Zahlen, viele Fakten, viele Zitate. Allein das Quellenverzeichnis umfasst rund 30 Seiten. Dernbach schiebt aber Zwischenergebnisse ein und schreibt oftmals redundant, sodass man auch nach 90 Seiten Theorie noch nicht den Überblick verloren hat.
Anschließend führt sie in zehn Sparten des Fachjournalismus ein. Eine gute Idee, die jedoch nur in wenigen Fällen gut gelingt. Zu jedem Thema bietet sie einen historischen Einblick, der fast immer ähnlich beginnt. Zum Beispiel Medizinjournalismus: „Die Beschäftigung mit Körper und Geist des Menschen ist so alt wie der Homo Sapiens selbst.“ Die Autorin holt viel zu weit aus. Schließlich lässt sich vermuten, dass jemand, der sich für ein Thema interessiert, zumindest ein bisschen Vorbildung mitbringt.
Die einzelnen Kapitel zu den jeweiligen Fächern unterscheiden sich andererseits stark in Umfang und – so hat man das Gefühl – Arbeitseinsatz der Autorin. Das Thema Auto und Motor kommt sehr kurz, während Medienjournalismus ziemlich breit getreten wird, obwohl es hier kaum Arbeitsplätze in der Praxis gibt. Hier hat Dernbach nochmals Kritik an Medienunternehmen geübt, was zwar angebracht ist, allerdings eher in ein anderes Kapitel oder gar in das Fazit gehört.
Sehr gut gelungen hingegen sind die Ausführungen zum Thema Wirtschaft, die die praktischen Probleme zwischen Wirtschaft, Medien, Politik und Leserschaft aufzeigt ohne dabei mit Wirtschaftsfloskeln oder Fachbegriffen zu protzen. Auch das Kapitel Medizin ist gut bis sehr gut gelungen.
Abschließend bietet dieser Abschnitt des Buches einen Überblick über die meisten Sparten des Fachjournalisten mit einigen Tipps zur weiterführenden Recherche oder einem Link, um die richtigen Ansprechpartner zu finden.
Die Autorin arbeitet derzeit als Professorin und Leiterin des Studiengangs Wissenschaftskommunikation (früher Fachjournalistik) an der Hochschule Bremen. Sie durchlief eine Journalistenlaufbahn, wie sie auch heute typisch ist: Journalistikstudium, Volontariat, Redakteurin. Erst danach wechselte sie an die Hochschule, wo sie sich auch mit dem Thema PR im Journalismus befasste. Zugleich ist sie auch Professorin für „Theorie und Praxis des Journalismus“ an der HS Bremen.
Ein sehr interessanter Bestandteil gerade für den Studiengang J/PR an der FH Gelsenkirchen in Dernbachs Buch ist deshalb die kritische Auseinandersetzung der einzelnen Fachdisziplinen mit der PR-Maschinerie. Relativ schonungslos zeigt sie auf, wo Schwächen liegen und worin diese begründet sind. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass nicht alle Redaktionen aus einem verschrienem Fach schwarze Schafe sind. Zum Beispiel beim Mode- oder Reisejournalismus, wo PR-Verstrickungen in den meisten Fällen nicht abzustreiten sind. Aber auch hier bietet sie intelligente Herangehensweisen aus der Praxis an, die zeigen, dass es auch anders geht. Jedoch gehört dazu meist eine finanzielle Absicherung beziehungsweise Unabhängigkeit.
Für den Leser, der sich allerdings schon ein wenig mit dem Thema auseinander gesetzt hat, liegt hier allerdings auch die Krux. Über 90 Seiten hinweg referiert Dernbach zu Theorie und Definition von Journalismus im Allgemeinen und Fachjournalismus im Speziellen. Dabei kommen immer wieder trockene Fakten zum Tragen, die zwar interessant sind, in der Menge aber eher abschreckend wirken. Außerdem sind nur vereinzelt Hinweise vorhanden, wie Einsteiger in das Wunschfach gelangen. Das ist zu wenig. Denn der Rest des Buches ist eher für Anfänger gestaltet, die sich für Fachjournalismus interessieren. Insofern fehlt dem Buch hier der Nutzwert, den es selbst für den Fachjournalismus empfiehlt. An manchen Stellen kommen Tipps für Einsteiger zu spät, wenn die bereits Journalismus studieren. Denn häufig heißt es im Buch, dass nicht Journalisten, sondern Biologen, Ingenieure oder Mediziner gesucht werden, die dann redaktionell tätig werden. Da bietet allein „Das ABC des Journalismus“ eine breitere Auswahl an Aus- und Weiterbildungschancen und redaktionellen Ansprechpartnern. Wer also mehr wissen will, muss sich für das spezielle Fach weitergehend informieren.
Insofern wäre das Buch besser geeignet für Schulabsolventen, die die ersten Erfahrungen im Journalismus gesammelt haben, ein spezielles Fach studieren wollen und sich über ihre Aussichten im Journalismus informieren möchten. Sie können sich mithilfe dieses Buches zugleich grundlegende Definitionen aus der Kommunikationswissenschaft, der Journalistik und dem Journalismus aneignen. Eine andere Zielgruppe wären diejenigen, die gerne über die theoretischen Hintergründe des Fachjournalismus mehr erfahren möchten. Das Buch ist zu theorielastig. Für Studenten oder angehende Journalisten ist dieses Buch daher kaum geeignet.
Dernbach, Beatrice: Die Vielfalt des Fachjournalismus, VS Verlag für Sozialwissenschaften,
Preis: 24,95 Euro oder seit kurzem z.T. kostenlos online abrufbar.
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Frau Dernbachs Seminar “Medienpolitik / -ökonomie” hat mir wegen der von dir angesprochenen Theorielastigkeit nie besonders gefallen. Und das in einem Studiengang, der FachjournalisTIK heißt.